„Gegenwärtig ist uns Gelegenheit gegeben …“

Mit der sich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten1933 rasant verändernden politischen Situation kam es zu einem sprunghaften Anstieg von verkaufswilligen Eigentümern von Wilhelm-Busch-Originalen. Bei ihnen handelte es sich zum einen um Sammler, die in den Strudel allgemeiner wirtschaftlicher Schwierigkeiten geraten waren, sowie zum anderen um jüdische Kunstliebhaber, die sich durch den dramatisch auf sie zunehmenden Druck zum Verkauf der in ihrem Besitz befindlichen Arbeiten gezwungen sahen. Daneben boten sich der Gesellschaft wie schon in den Jahren zuvor zahlreiche interessante Erwerbungsmöglichkeiten bei Nachfahren und Erben des Künstlers.

Wilhelm Busch, „Schnurrdiburr oder Die Bienen“, Blatt 31 der Handschrift, 1867/68 (WBM)
Um auf diese sich in zunehmendem Maß ergebenden Ankaufsmöglichkeiten reagieren zu können, wandte sich Emil Conrad am 24. November 1933 brieflich an Oberbürgermeister Dr. Arthur Menge, seit 1932 im Vorstand und ab 1934 Vorsitzender der Busch-Gesellschaft: "Es ist uns nun gelungen, durch Stiftungen und Ankäufe ein ausserordentlich wertvolles Material zusammenzubringen … Das Archiv besitzt schon jetzt einen unschätzbaren Wert … Zu unserem Bedauern sind wir nicht in der Lage aus den laufenden Mitgliedsbeiträgen weitere nennenswerte Ankäufe zu machen… Gegenwärtig ist uns Gelegenheit gegeben, wertvolle Ankäufe zu tätigen. In Berlin wird die grosse Busch-Sammlung von Oscar Hirsch1 aufgelöst. In dieser befinden sich Stücke, die nur einmalig existieren, die aber für das Archiv von ausserordentlich grossem Wert sind. Weiter werden uns aus Berlin 7 Briefe nebst einem Gedicht angeboten, und drittens stehen wir mit den Erben des verstorbenen Pfarrers Hermann Nöldeke in Unterhandlung, um die dort vorhandenen Originalbriefe, Gedichte, die Urschrift "Der Schmetterling" und viele Sachen, die für unser Archiv grossen Werthaben, zu erwerben … Unsere geldlichen Mittel sind erschöpft, da wir, um unser Archiv vor Feuergefahr zu schützen, einen feuersicheren Schrank anschaffen mussten. Weiterhaben wir es für notwendig erachtet, Schurrrdiburr oder die Bienen (172 Blatt mit 135 Originalzeichnungen) anzukaufen, um es der Stadt zu erhalten. Leider ist in früheren Zeiten seitens der Stadt und der Provinz Hannover versäumt worden, bei Kunstankäufen seinen grössten Dichter und Maler so zu berücksichtigen, wie er es verdient hätte. Andere Städte z. B. Berlin, München, Dresden, Frankfurt, haben in früheren Zeiten ganz erhebliche Mittel angewandt, um sich Originalzeichnungen Buschs zu sichern. Dieses nachzuholen ist unseres Erachtens nach eine Ehrenpflicht der Stadt und Provinz Hannover." Der Inhalt dieses Schreibens sowie vieler ähnlich formulierter Gesuche, die in nächsten Jahren folgen sollten, verfehlte bei der Stadt nicht die erhoffte Wirkung. Durch deren engagierte Unterstützung wurde es möglich, in rascher Folge zahlreiche bedeutende Erwerbungen durchzuführen. 1934 gelang die Übernahme von Wilhelm Buschs 1869 veröffentlichter Bildergeschichte Schnurrdiburr oder die Bienen.

Außerdem konnte von Pastor Hermann Vogelsang, dem Schwiegersohn von Buschs Neffen Hermann Nöldeke, das Originalmanuskript von Hernach angekauft werden, jene um die Jahrhundertwende entstandenen Sammlung kleiner Bilderfolgen, Zeichnungen und Verse, die Busch zur Veröffentlichung nach seinem Tod bestimmt hatte. Durch Stiftung des Münchener Wilhelm-Busch-Kenners und-Sammlers Albert Vanselow kamen im selben Jahr kostbare Erstabzüge von mehreren Bildergeschichten in die Sammlung,während der Bestand an Gemälden und Zeichnungen nach der Natur ebenfalls durch großzügige Schenkungen aus privater Hand erfreulich ausgebaut werden konnte.

Wenngleich die Sammlung Ende 1934 schon zahlreiche bedeutende Werke von Busch beinhaltete, so dass die Gründung einer eigenen, adäquaten Ausstellungsstätte ins Augeg efasst wurde, standen die fruchtbarsten Erwerbungsjahre, die 1935/36 ihren Höhepunkt erreichten, erst noch bevor.

1 Oscar Hirsch hatte der Gesellschaft seine Sammlung bereits 1930 zum Kauf angeboten und daraufhin das Jubiläumsjahr 1932 als mögliches Ankaufsdatum mitgeteilt bekommen. "Bis zum Jahre 1932 will ich aber nicht mehr warten zur Verwertung meiner Sammlung, da ich bei meinem Alter (70 Jahre) noch einen Genuß von derselben haben möchte", lautete die Antwort des Sammlers am 2. November 1930.