Die ‚Judenfrage‘

Am 17. Januar 1938 wurde über die Buchhandlung Schmorl & von Seefeld das Handbuch zur Judenfrage angeschafft, und die „Beschlussfassung der neuen Satzung/Judenfrage“ bildete am 12. Juli 1938 Punkt 3 der Besprechung der bevorstehenden Hauptversammlung. In die neue Satzung wurde dann auch in Klammern unter § 3 der Satz „Juden können nicht Mitglied der Gesellschaft sein“ aufgenommen. Und um festzustellen, wie man im Kulturring und damit auch in der Wilhelm-Busch-Gesellschaft in der ‚Judenfrage‘ verfuhr, ersuchte im Brief vom 18. Oktober 1938 der Gauwart der NS Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, Lahs, den von der Wilhelm- Busch-Gesellschaft angestellten Parteigenossen Heinrich Franke, „notwendige Aufklärungen … vertraulich zu geben. U. a. interessiert uns, ob in denen dem Kulturring angeschlossenen Vereinen noch Juden als Mitglieder tätig sind bzw. beitragsmäßig geführt werden“.

Brief von NS-Gauwart Lahs an Heinrich Franke, 18. Oktober 1938
Der Druck auf den Vorstand nahm zu: Im November 1938 verfasste der Archivar der Busch-Gesellschaft, Senator Karl Anlauf, ein Papier mit Vorschlägen, das Wilhelm- Busch-Museum „weltanschaulich“ auszurichten und die Bildergeschichten durch ausführliche Beschriftung politisch zu erläutern. Dieses Papier, das Anlauf – so vermutet Conrad im Schreiben vom 21. Januar 1939 an Lampe – „hinter unseren Rücken ... an Aussenstehende ohne unser Wissen gab“, mündete in Bestrebungen des Reichspropagandaamtes Südhannover-Braunschweig, den Vorstand und die Geschäftsführung komplett auszuwechseln: Für eine Übergangszeit sollte Landeskulturwalter Herbert Huxhagen (Landesstellenleiter des Reichspropagandaamtes in Hannover) als 1. Vorsitzender installiert werden und die „notwendige Reorganisation der Satzungen und des Vorstandswesens“ leiten, so Dr. Liskowsky vom Reichspropagandaamt im Brief vom 17. Januar 1939 an Oberbürgermeister Haltenhoff.1 Danach könne er, Haltenhoff – den die Busch-Gesellschaft bereits im November 1938 gebeten hatte, das Amt des 1. Vorsitzenden zu übernehmen – diesen Posten antreten.

Conrad und Lampe wandten sich vehement gegen diese Pläne. Im Brief vom 25. Januar 1939 an Oberbürgermeister Haltenhoff schrieben sie diesem: „Wir haben daher ... an Sie die aufrichtige Bitte, sich in der Tatsache der Übernahme des Vorsitzes … nicht irre machen zu lassen.“ Parallel hatten sich Conrad und Lampe direkt an das Reichspropagandaministerium in Berlin gewandt, in dem das Busch-Mitglied Dr. Otto Henning als Referent tätig war. In einer Notiz vom 23. Februar 1939 ist ein Treffen mit Vertretern des Reichspropagandaamtes und des Reichspropagandaministeriums festgehalten. Vorschläge, Vertreter des Reiches, der Provinz und der Stadt in den Vorstand aufzunehmen und vor allem die „propagandistische Seite“ der Gesellschaft mehr zu betonen, konnten offenbar abgebogen werden, so dass im Ergebnis u. a. festgehalten wurde: Der bisherige (der Partei missliebige) Vorsitzende Dr. Arthur Menge wird durch Oberbürgermeister Dr. Henricus Haltenhoff abgelöst, ein Ehrenpräsidium wird gebildet unter „Hineinnahme von bislang außen stehenden Persönlichkeiten in den Vorstand bezw. in einem Ehrenausschuss …, um der Wilhelm-Busch-Gesellschaft eine breitere Grundlage zu verschaffen“; eine engere „Zusammenarbeit zwischen der Wilhelm-Busch-Gesellschaft und der Gaupropagandastelle“ wird angestrebt. Und: Lampe und Conrad behalten ihre Ämter.

Lampe und Conrad versuchten, die „engere Zusammenarbeit“ mit der Gaupropagandastelle zu vermeiden und waren um eine stärkere „Rückversicherung mit Berlin“ bemüht, um „den lokalen Kräften den Wind aus den Segeln zu nehmen“ (so Conrad in einem Brief an das Berliner Mitglied Herbert Winkelmann vom 9. Februar 1939). Offenbar wollte man verhindern, dass sich die örtlichen Parteiorgane ins Alltagsgeschäft einmischten.

Aber die rhetorische Anpassung fiel nicht allzu schwer. Im gleichen Maße, wie aus dem seiner Heimat verbundenen Künstler Busch ein völkischer Seher2 wurde, dessen „Werk und Persönlichkeit … vorausahnend in dem wurzeln, das in den Kräften des deutschen Nationalsozialismus seinen ureigenen Grund hat“ (Walther Lampe im Vorwort zu den Mitteilungen von 1939), wurde die Gesellschaft zur Nutznießerin der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Dies wird im Falle des jüdischen Bankiers Richard Dammann besonders deutlich.

1 Nicht identisch mit dem Namensgeber der hannoverschen Haltenhoffstraße.
2 So der Untertitel des Buches Der Philosoph von Wiedensahl von Karl Anlauf, Berlin 1939.