Die Sammlung Kritische Grafik in den 60er und 70er Jahren

Wigg Siegl, „Des roten Barden Soll“, 1956 „Nu machen Se geene Mährde, Genosse Brecht. Dichten Se mal’n schneidsches Marschlied für unsere neie demogradsche Volgsarmee.“ (WBM)
Die Ankaufspolitik von Friedrich Bohne war ganz wesentlich durch sein Verständnis von ‚kritischer Grafik‘ geprägt. 1964 hatte er diesen Begriff mit der Ausstellung typisch deutsch (?) eingeführt. Der „Hang zur Kritik“ galt Bohne, so 1969 in einem Beitrag für das Jahrbuch, als das Verbindende auch für scheinbar so gegensätzliche Künstler wie „Saul Steinberg und Heinrich Zille, A. Paul Weber und Raymond Peynet, Mirko Szewczuk und Rudolf Wilke, H. E. Köhler und André François“, denen neben vielen anderen Ausstellungen im Wilhelm-Busch-Museum gegolten hatten. „Diese Kritik“, so Bohne, „tritt zwar in vielen Härtegraden auf, und sie ist gepaart mit vielerlei bestimmenden Ingredienzien: aber sie ist da.“ Und sie braucht ein Publikum: “Ohne Echo hätte die Kritik ihren Sinn verloren, ja, hörte sie auf, zu sein, was sie sein muss: ein Korrektiv, wenngleich und wenn auch in aussichtsloser Position angewendet – ein Versuch, Erkanntes erkennbar wiederzugeben, in seinen Inhalten hinreichend deutlich wahrnehmbar zu vermitteln, um Meinungen, vielleicht auch Gegenmeinungen wachzurufen.“ Und die Kritik muss ihr Publikum finden – deshalb schloss Bohne sein Plädoyer mit einem Appell in eigener Sache: „Öffentliche Sammlungen kritischer Grafik haben hier eine verpflichtende Aufgabe.“

Die in der Ära Bohne fast ausschließlich mit Mitteln des Kulturamtes der Stadt Hannover erworbenen Kunstwerke spiegeln diesen Anspruch. Dazu gehören die Arbeiten, die er 1964 im Umfeld der Ausstellung typisch deutsch (?) von den Simplicissimus-Zeichnern Eduard Thöny, Rudolf Wilke und Rudolf Kriesch sowie den politischen Karikaturisten Horst Haitzinger, Ernst Maria Lang und Mirko Szewczuk erwarb.

Horst Haitzinger, „Steter Tropfen höhlt den Stein“, 1963 (WBM)
Dazu gehören ebenso die parallel angekauften Bücher und Zeitschriften – darunter die Fliegenden Blätter (51 Bände), die Jugend (32 Bände) und der Kladderadatsch (12 Bände) –, die zugleich den Grundstock für die heutige Karikaturen-Bibliothek des Wilhelm Busch · Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst lieferten. Und es gehören dazu auch die Ankäufe aus den Ausstellungen einzelner Künstler wie der von Wigg Siegl 1969 oder Rainer Hartmetz 1971, genauso wie aus den ‚Länder-Ausstellungen‘: Kritische Grafik aus Schweden 1971, Darüber lachen die Schweizer 1973, Cartoons aus Jugoslawien 1975 oder Satirische Zeichner aus Polen 1975.