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Satirische Kunst von 1600 bis heute: Der Ausbau der Sammlung Karikatur und kritische Grafik seit den 80er Jahren
1991 präsentierte die Ausstellung Von Callot bis Loriot zum ersten Mal seit den Querschnittsausstellungen durch die Sammlung Kritische Grafik der 70er Jahre wieder eine Auswahl aus dem inzwischen erheblich angewachsenen Bestand. In chronologischer Folge vermittelten die ausgewählten Künstler mit ihren Zeichnungen und Grafiken eine Vorstellung von der Vielfalt der Ausdrucksformen – und zeigten zugleich die Schwierigkeit, diese Vielfalt begrifflich zu fassen. In der Ausstellung spiegelte sich die Sammlung mit politischen Karikaturen, kritischer- und sozialkritischer Grafik ebenso wie mit Bildergeschichten, humoristischen Illustrationen und Cartoons aus einem Zeitraum von rund vier Jahrhunderten. Um all diese Ausdrucksformen einzubeziehen, hatte sich seit den 80er Jahren im Wilhelm-Busch-Museum der Sammlungsname „Karikatur und kritische Grafik“ eingebürgert. Letztlich aber – das zeigen die vielen Erklärungsbemühungen in Reden, Katalogbeiträgen und im Jahrbuch – ist selbst dieser erweiterte Begriff kaum mehr als ein Hilfskonstrukt für eine Kunst, die sich eben auch in dieser Hinsicht als widerspenstig und wenig konform erweist. In letzter Zeit wird nun immer häufiger der Gattungsname ‚Satire‘ verwendet – per definition durch den Duden die „ironisch-witzige literarische oder künstlerische Darstellung, die durch Übertreibung, Ironie und Spott an Personen oder Ereignissen Kritik übt, menschliche Schwächen und Laster verspottet“.
Dass in der Ausstellung Von Callot bis Loriot ein derart breit gefächertes Bild satirischer Kunst geboten werden konnte, hatte der zu Beginn der 80er Jahre durch Herwig Guratzsch begonnene systematische Ausbau der Sammlung ermöglicht. Dieser zielte sowohl auf eine stärkere Gewichtung der historischen Epochen als auch auf die Konzentration auf herausragende nationale und internationale Künstler. Allein mit städtischen Geldern hätte dieser systematische Sammlungsaufbau nicht realisiert werden können: Sponsoren und Förderer kamen hinzu. Sie traten ab Ende der 80er Jahre bei immer enger werdender Haushaltslage mehr und mehr an die Stelle der Stadt Hannover. Aber auch aus eigenen Mitteln konnte die Gesellschaft Erwerbungen realisieren.
1981 setzte der Ankauf von 160 kolorierten Radierungen George Cruikshanks – neben James Gillray und Thomas Rowlandson Hauptvertreter des so genannten ,Goldenen Zeitalters der englischen Karikatur‘ um 1800 – ein deutliches Zeichen für die neue historische Linie der Sammlung. In der von dem Nienburger Studienrat Ernst Heinrich zusammengetragenen Kollektion – Teil seiner großen Sammlung zur englischen Karikatur – befanden sich nicht nur viele der bekannten Karikaturen Cruikshanks, sondern auch einige der seltenen Blätter des Künstlers. Die Ankaufssumme teilten sich zu je einem Drittel die Landeshauptstadt Hannover, die Bezirksregierung und die Wilhelm-Busch-Gesellschaft, die dafür Mittel u.a. von den Firmen Siemens, Bahlsen und Preussag einwarb. Die Cruikshank-Karikaturen wurden aber nicht nur Grundlage der 1983 präsentierten großen Cruikshank-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum, sondern waren auch Auftakt für weitere Erwerbungen aus dieser Epoche, so dass das Museum heute eine repräsentative Sammlung englischer Karikaturen von William Hogarth bis Thomas Rowlandson vorweisen kann. Wichtige Etappen dieser Ankaufsgeschichte waren: Der Erwerb der Sammlung Max Hasse 1987 mit einem überwiegenden Bestand an englischen Karikaturen (Finanzierung durch Klosterkammer Hannover, Fritz Behrens-Stiftung, Hannover, und Wilhelm- Busch-Gesellschaft), 1989 gefolgt von über 80 Kupferstichen von William Hogarth (Dauerleihgabe der Fritz Behrens-Stiftung, Hannover) und 1992 von über 120 Radierungen von Thomas Rowlandson (Hypo-Kulturstiftung, München, und Klosterkammer Hannover). 1996 und 1998 erfolgte der Ankauf der Sammlung historischer Karikaturen von Monica & Ronald Searle, auf die an späterer Stelle genauer eingegangen wird, und 2002 der Erwerb der bei Ernst Heinrich verbliebenen rund 280 Blätter verschiedener Künstler aus seiner Sammlung zur englischen Karikatur (KulturStiftung der Länder, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Niedersächsische Lottostiftung sowie Rudolf Ensmann).Fast gleichzeitig mit dem Ankauf Cruikshank bekam auch das Ziel einer ‚Konzentration‘ der Sammlung einen wichtigen Impuls: Tomi Ungerer krönte 1981/82 die erfolgreiche Ausstellung seiner Zeichnungen im Wilhelm-Busch- Museum mit einer Schenkung von 237 Cartoons, Werbeplakaten und politischen Karikaturen aus dem Zeitraum von etwa 1950 bis 1980.
Arbeiten also aus der Zeit, in der er in New York zum bekannten Werbezeichner aufstieg und sich als sozial- und gesellschaftskritischer Zeichner mit Büchern wie The Party (1966), Fornicon (1970) oder Babylon (1979) einen Namen machte.