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Theo Sommer zur Eröffnung der Ausstellungen Paul Flora: ZEIT-Zeichen (1957-1971) und Luis Murschetz: Beobachterstatus

Hannover
Wilhelm-Busch-Museum Hannover
18. April 2010

Der Zufall der Begebenheit hat es so gefügt, dass ich, der ich jetzt seit 53 Jahren bei der ZEIT bin, vom ersten Tag an bis zum heutigen Tag mit einem der zwei Zeichner zu tun hatte, denen die beiden Ausstellungen gewidmet sind, zu deren Eröffnung wir uns hier versammelt haben. Erst umflatterten mich sechzehn Jahre lang die Raben Paul Floras, und nun habe ich schon bald vierzig Jahre mein Vergnügen an den Wölfen und Eisbären, den Tenören und Loch-Ness-Ungeheuern von Luis Murschetz.

Ich war 1957 als junger ZEIT-Anfänger dabei, als sich Paul Flora bei Paolino, dem Italiener an der Außenalster, den Redaktions-Gewaltigen vorstellte. Wir suchten einen politischen Karikaturisten. Mirko Szewzcuk war zur Welt gegangen; Hicks, der zuvor für die ZEIT zeichnete, hatte sich als ehemaliger SS-Mann entpuppt; Eric Godal kochte besser, als er zeichnete; wenn er einen Panzer abbilden sollte, verlangte er das Foto eines Panzers aus dem Archiv, wenn zwei Panzer zu zeigen waren, brauchte er zwei Fotos. Eka von Merveldt, die Leiterin des Reiseteils, hatte Paul Flora in Basel kennengelernt. Nun saß er bei Paolino, stocherte in seiner Pasta und wurde gelöchert. Ob er denn etwas von Politik verstehe? Ob er auch Karikaturen von Politikern zeichnen könne? Er sagte nur maulfaul: „Ja, dös glaub i scho.“ Mehr nicht. Wir waren etwas besorgt. Was würde er uns wohl von der Alm schicken, auf der wir Hanseaten ihn in unserer Vorstellung ansiedelten? Unsere Besorgnis wuchs noch, als er mit leiser Bestimmtheit ankündigte: „Aber dreinred’n lass i mir net.“

Nun, Sie wissen alle, was daraus geworden ist. Vierzehn Jahre lang zeichnete Paul Flora, unbelehrt und unbelämmert von der Redaktion, politische Karikaturen für die ZEIT. Im Rückblick sagte er einmal: „So konnte ich, der ich wirklich wenig von Politik und insbesondere sehr wenig von deutscher Politik verstand, unbefangen und im Stande der Unschuld grob gerechnet 3.500 Beiträge zeichnen.“ Am Ende trug dies Flora das Große Bundesverdienstkreuz ein. Es wurde ihm, dem angeblich Unpolitischen, zuerkannt für seine „Verdienste um die politische Kultur Deutschlands“,; so steht es in der Verleihungsurkunde.

Ganz nebenbei hat Paul Flora mit seinen Strichmännchen die deutsche Karikaturenlandschaft revolutioniert. Seine feinen Tuschlinien, seine verrätselten Schraffierungen und seine schalkhaften Figuren machten Schule. Bald waren nirgends mehr die schwarz-weiß verklecksten Karikaturen zu sehen, die mich in den Anfangsjahren der Bonner Demokratie noch immer an den „Völkischen Beobachter“ erinnerten. Er bewies: Hauchzartes kann messerscharf sein; der sensible Strich vermittelt mehr Erkenntnis als der grobe Keil; und der verquere Denkansatz sagt mehr aus als die meisten links-rechts gestrickten Leitartikel.

Anders als mein Freund – und Floras Freund – Haug von Kuenheim bin ich nie mit ihm gewandert. Aber ich habe ihn das ein oder andere Mal auf der Hungerburg hoch über Innsbruck besucht; er hat mir im Museum am Berg Isel das in einer silbernen Tabaksdose aufbewahrte Herz eines k.u.k. Leutnants angelegentlich als außergewöhnliches Schaustück empfohlen; auch machte er mich mit dem italophoben Guerilla-Krieger, dem Professor, Marterl-Fotografen und Strommasten-in-die-Luft-Sprenger Pfaundler bekannt, der damals noch keiner von Floras „hierorts im Ruhestand lebenden Attentäter“ war; auf jedes Südtiroler Marterl-Foto kam bei seinen Guerillero-Expeditionen ein gesprengter Strommast.

Es war dann ein großer Schock für uns, als Flora uns 1971 urplötzlich kundtat, dass er aufhören wolle. Überraschen hätte uns diese Ankündigung eigentlich nicht dürfen, denn er hatte von vornherein gesagt, also 1957 schon, er werde mit 50 Schluss machen. Nun war es so weit. Was seine Nachfolge anbetraf, so wusste Flora jedoch exzellenten Rat: Er schlug seinen Landsmann Luis Murschetz vor, der schon eine Weile für die Süddeutsche Zeitung zeichnete; ihm gab er auch noch ein paar Pfund Zeichenfedern mit auf den Weg nach Norden – Zeichenfedern, die er offenbar in größeren Mengen aus der Konkursmasse einer pleite gegangenen Herstellerfirma erworben hatte. So kam denn der „Mur“ zu ZEIT, der Steiermärker folgte dem Tiroler, und wir wurden rasch so glücklich mit ihm wie mit seinem Vorgänger. Die austriakisch-hanseatische Symbiose erwies sich ein zweites Mal als ungemein fruchtbar.

In manchem ähnelte Luis Murschetz ja Flora. Auch er ist ein Meister des bald durchsichtigen, bald verhüllenden Schraffierens. Auch er besitzt einen feinsinnigen Humor, hat Sinn für Skurriles, Bizarres und Absurdes. Auch Luis Murschetz ist die Gabe eigen, das Hintergründige in den Vordergrund zu rücken. Und auch ihm ist das Spökenkiekerische nicht fremd, die Welt der Schemen, Schatten und Gespenster, ebensowenig die insgeheime Freude am Schaurigen und Gruseligen. Hohn, Häme und Schadenfreude sind nicht ihre Art. Sie lächeln: wissend um menschliche Schwächen, um die Banalität der Politik, um die Ungewissheit und Unzuverlässigkeit des Fortschritts. „Zärtliche Spötter“ sind sie genannt worden. Gelassenheit und Heiterkeit zeichnen sie aus. Wobei sicher richtig ist, dass Floras Gleichmut einer vergrübelten Melancholie entsprang, während Murs Serenität sich eher aus einem gewissen spitzbübischen Frohsinn nährt. Beide aber kennzeichnet ein Faible für das Hintersinnige, das Widersinnige, auch das Unsinnige. Mit der Zeichenfeder ziehen sie den Vorhang weg vor der Welt des schönen Scheins und lassen uns einen Blick tun in die Abgründe des Daseins, seine Ungereimtheiten und Verlogenheiten, seine Gemeinheiten auch.

Zum Karikaturenzeichnen war Murschetz eher per Zufall gekommen. Er hatte zunächst sehr handfest Maschinenbau studiert – was man seinen Blättern übrigens heute noch anmerkt, wenn er etwa einen Kampf der Kräne zeichnet, Rasenmäher als Rennautos, oder ein Flugzeug, das ein Follow-Me-Auto zermalmt. Danach studierte er in Graz Graphikdesign. Eines Tages fragte ihn der Chef der dortigen Sportredaktion, ob er auch Karikaturen zeichnen könne. „Klar“, sagte er, obwohl er sich wohl nicht ganz sicher war. So verdiente er sich sein Studium, und so konnte er es sich auch leisten, jeden Tag ins Kaffeehaus zu gehen und dort regelmäßig die Süddeutsche und die ZEIT zu lesen.

Damals keimte der Wunsch in ihm auf, für diese beiden Zeitungen als Karikaturist zu arbeiten. Eine gute Fee sorgte dafür, dass der Wunsch in Erfüllung ging. Dieselbe gute Fee ließ mich zwei Jahre, nachdem er zu uns stieß, Chefredakteur der ZEIT werden. Zwei Jahrzehnte lang hatten wir eine wunderbare Arbeitsbeziehung, aus der bald – ich darf das sagen – eine herzliche und herzerwärmende Freundschaft entstand..

Wir haben viele Feste miteinander gefeiert. Wir sind miteinander am Arlberg und in Klosters Ski gefahren, er mit seiner damals achtjährigen Tochter Annette, die mittlerweile eine hinreißende Schönheit und eine große Bühnenbildnerin geworden ist: heute ist sie  trotz isländischer Aschewolke aus Wien zu uns gekommen; ich mit einem meiner Söhne. Dieser Sohn ist wie alle seine Geschwister mit Mur’s Kinderbüchern großgeworden: dem Maulwurf Grabowski (ein grünes Manifest gegen die Zubetonierung unserer Landschaft, Jahre vor der Gründung der Grünen), dem Hamster Radel, dem dicken Karpfen Kilobald und den drei Chinesen mit dem Kontrabass.

Daneben gab es aber unsere Arbeitsbeziehung. In der Redaktion herrschte Hochspannung, wenn am Dienstagmorgen die Express-Sendung aus München kam. Fiebernd rissen wir den Umschlag auf, schmunzelten, lachten dröhnend, schlugen uns dann und wann auch vor schierem Vergnügen auf die Schenkel. Ich war oft ein bisschen neidisch: Mit ein paar sparsamen Strichen brachte Luis Murschetz scheinbar mühelos auf den Punkt, wozu unsereiner 218 Leitartikel-Druckzeilen benötigte. Seit 39 Jahren jede Woche zwei bis vier Karikaturen – das macht ihm so leicht kein anderer nach.

Zuweilen monierte Murschetz damals, dass ich die Formatangaben – „zweispaltig“ oder „dreispaltig“ für die Herstellung mit soviel Bleistift-Druck („B 6“) auf seinen Blättern notierte, dass auch der beste Radiergummi nicht dagegen ankam, was offensichtlich den Weiterverkaufswert beeinträchtigte. Manchmal kam ein besonders schönes Blatt auf dem Wege aus der Herstellung auch unerklärlicherweise abhanden. So erklärt sich, dass Murschetz auf einmal nur noch Kopien schickte und sich früher als die meisten Zeitgenossen ein Faxgerät anschaffte – von da an gab es keine Originale mehr. Die ZEIT-Redakteure haben sich dadurch gerächt, dass sie seine Karikaturen von der Seite 1 immer weiter weg in die Tiefe des Blattes rutschen ließen. Ich bedaure dies sehr, doch habe ich andererseits auch Verständnis für die Kollegen, die unter dem üblem Zwang stehen, zwecks Verkaufsförderung in schwieriger Zeit die Titelseite immer mehr zur Litfaß-Säule zu machen. Schade ist es trotzdem.

Was ist ein Karikaturist? Was darf der Karikaturist? Was ist eine Karikatur? Es sind darüber dicke Bücher geschrieben worden. „Der Karikaturist“, hat Herbert Riehl-Heyse einmal formuliert, „muss porträtgenau zeichnen können (und zwar schnell); er muss witzig sein; er muss komplizierte politische Zusammenhänge verstehen; und er muss das Komplizierte umsetzen können in einfache Bilder.“ Ich möchte hinzufügen: der gute  Karikaturenzeichner ist auch ein Philosoph. Der Karikaturist ist ein Vielfach-Talent, ein Multitasker  Und er darf - wie der Satiriker – alles; da freilich mögen die Ansichten von Kanzlern und Künstlern auseinandergehen. Er darf Negatives zeigen, um Positives zu bewirken.

Die Karikatur aber? Nach einer frühen Definition ist Karikatur Gegenkunst, die das Bild zum Zerrbild macht und die Zone des Gewöhnlichen und des Hässlichen durchstreift, wo hingegen die hohe Kunst sich in der Darstellung erhabener Inhalte ergeht. Nach einer anderen Definition ist sie „eine verletzende, aggressiv satirische Abart der Wesenserforschung  und Wesensenthüllung (Werner Hofmann). Beide Definitionen treffen nach meiner Ansicht weder auf das karikaturistische Werk Floras noch auf das von Luis Murschetz zu.

Murschetz gewinnt seinen Witz nicht aus der Übertreibung und Verformung von Körperteilen, wie so viele Nachfolger der Bologneser Gebrüder Carracci - der Erfinder der Kunstgattung Karikatur, die denn auch nach ihnen benannt worden ist. Wo Murschetz Helmut Kohls mächtiges Hinterteil zeichnete, übertrieb er nicht, sondern bildete Realität ab. Wie Flora, zeichnet er nicht Scherzbilder, sondern Kommentare. Im zeichnerischen Abkürzungsverfahren erhellen sie beide das Wesentliche durch Weglassen des Unwesentlichen. Das Untertreiben liegt ihnen mehr als das Übertreiben. Ihre Kritik ätzt nicht, sie juckt. Sie greifen nicht an, Aggressivität ist ihre Sache nicht; lieber mahnen sie hintergründig zum Selberdenken. Sie halten uns den Spiegel vor, sie zerschlagen ihn nicht. Sie zerreißen den Schleier, der die Innereien des politischen Prozesses vor den Augen des Publikums verbergen soll, indem sie das Inkommensurable, das Inkompatible, das Komische und das Banale daran enthüllen. Dabei leiht ihr Sinn für Kuriositäten, Skurrilitäten und Abstrusitäten den gezeichneten Kommentaren Schlagkraft und Biss.

Luis Murschetz, der Ironiker und Ireniker, ist ein durch und durch politischer Mensch, ein zoon politikon. Übrigens ein Demokrat – obwohl sein Vorgänger Flora mir einmal gesagt hat, Karikaturisten dürften eigentlich keine Demokraten sein, der häufige Personalwechsel in Demokratien schaffe ihnen bloß Schwierigkeiten: Kaum „kann“ der Zeichner das massige Gesäß von Helmut Kohl, muss er sich schon wieder auf ein ganz anderes Hinterteil einschießen.

Ich habe mir immer wieder vor Augen geführt, welche Mühe hinter den Tausenden von Blättern liegt, die Luis im Laufe der Jahrzehnte für uns gezeichnet hat: wie viel Zeitunglesen, Rundfunkhören und Fernsehschauen; wie viel banges Warten auf den beglückenden Einfall, ehe Bleistift und Tuschfeder in Aktion treten können; wie viel unruhiges Aufziehen seiner russischen Uhren, wie viel Aufgießen von Tee, bis endlich die Muse sich einstellt, um den Zeichner zu küssen. Der Redaktionsschluss rückt immer näher. Der Künstler hat sich schlau gemacht und soll nun gescheit oder gar weise mit dem Griffel hantieren. Er setzt sich hin und fängt an zu kritzeln – „Irgendwann musst Du zeichnen, wie Dir die Kralle gewachsen ist“, hat Luis einmal seine Arbeitsweise erläutert. Unversehens ist dann das Blatt vollendet, die Pointe sitzt.

Karikaturen sind einerseits wie Leitartikel: verderbliche Ware mit Verfallsdatum wie alle journalistischen Erzeugnisse. Aber anders als Leitartikel vergilben sie nicht in unansehnlichen Leitz-Ordnern. Sie überleben strahlend im hehren Bezirk der Kunst, werden vom Club der Bibliomanen zwischen Buchdeckeln vertrieben, an Liebhaber verkauft und in Ausstellungen gezeigt und. Die Kunst rettet die Bildsatire vor dem Gilb, der die Leitartikel frisst. Die beiden Ausstellungen heute sind der beste Beweis dafür.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und Erkenntnisgewinn bei der Betrachtung der großartigen Blätter unserer beiden Meister. Ihr stilles Schmunzeln oder Ihr helles Ergötzen sind ihnen der schönste Lohn.