Volker Ernsting: Jupp Derwall, 1978

26.05. bis 12.08.2018

Große Nase, dicker Bauch

Porträtkarikaturen von 1700 bis heute

Ausstellung

Erich Sokol: Bill Clinton, o. J.

Ob in politischen Karikaturen oder gesellschaftlichen Satiren: Das überzeichnete, verzerrte Porträt ist ein zentrales Stilmittel seit Erfindung der Karikatur am Ausgang des
16. Jahrhunderts. Die Porträtkarikatur erlaubt eine treffende Charakterisierung mit wenigen Strichen, sie kann sowohl humorvoller Spott, Entlarvung als auch Bloßstellung sein. Kaum einer, der im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, wird verschont, sei es einst Napoleon oder heute Donald Trump, seien es Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Fußballtrainer wie Jupp Derwall. In der Ausstellung „Große Nase, dicker Bauch: Porträtkarikaturen von 1700 bis heute“ demonstrieren 116 Werke die Vielfalt des satirischen Bildnisses in seiner historischen Entwicklung und seinen unterschiedlichen nationalen Ausprägungen.

Die ersten Porträtkarikaturen entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Bologna im Umkreis der Künstlerbrüder Agostino und Annibale Carracci, die der neuen Gattung ausgehend vom italienischen Verb »caricare« – was so viel wie beladen, übertreiben meint – auch ihren Namen gaben. Zwar waren groteske, hässliche Wesen seit dem Mittelalter auf zahlreichen Bildtafeln zu finden, doch an der Bildniskarikatur war neu, dass sie bereits in der Renaissance intensiv erforschtes Wissen um die Physiognomik mit der Beobachtung der individuellen Person verbindet. In einem 1646 in Bologna erschienenen Traktat wird diese neue Form der Porträtkarikatur erklärt:

Die Natur selbst […] gefällt sich darin, die Züge des Menschen zu deformieren: sie gibt dem einen eine dicke Nase, dem anderen einen großen Mund; wirken diese Unstimmigkeiten und Disproportionen in sich selbst bereits lächerlich, so vermag der Künstler, indem er sie nachahmt, diesen Eindruck noch zu verstärken und den Betrachter zum Lachen zu bringen.

Bereits im 18. Jahrhundert verschonten die englischen Karikaturen weder den König noch die politische oder gesellschaftliche Prominenz. Napoleon wurde als „Wahnsinniger“ verhöhnt, der damalige Prinz of Wales, der spätere Georg IV., ob seines unmäßigen Lebensstils als feister Lebemann verspottet. Während in. England eine weitgehende Presse- und Meinungsfreiheit herrschte, reglementierte auf dem europäischen Kontinent die Zensur das Erscheinen von Karikatur bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein. Künstler wie André Gill entwickelten deshalb ein anspielungsreiches, hintersinniges Instrumentarium, um Politiker, gekrönte Häupter aber auch Schriftsteller wie Jules Verne ungehindert auf den Titelseiten populärer Satirezeitschriften präsentieren zu können.

In der Gegenwart sind es Künstler wie Erich Sokol, Volker Ernsting oder Gerhard Haderer, die sich durch meisterhafte Porträtkarikaturen auszeichnen. Da muss sich Bill Clinton für seine Affäre mit Monica Lewinsky vorführen lassen und Angela Merkel hat am „Boulevard of Broken Dreams“ alle Konkurrenten hinter sich gelassen.  Aber auch Fußballfans werden in der Ausstellung auf ihre Kosten kommen: Volker Ernsting hat unvergessene Fußballgrößen wie Jupp Derwall – Spieler und Trainer – höchst unterhaltsam karikiert.

Ein eigenes Kapitel sind Selbstkarikaturen von Wilhelm Busch bis ... vorbehalten: ironischer Spiegel der eigenen Befindlichkeit, aber auch Ausdruck des künstlerischen Selbstverständnisses.

Die Exponate der Ausstellung „Große Nase, dicker Bauch“ stammen alle aus der Sammlung des Museums Wilhelm Busch, die einen reichen Bestand an historischen wie zeitgenössischen Karikaturen aufweist.

Gerhard Haderer: Boulevard of broken Dreams, 2004
Karl Ferdinand Bauer: Ohne Titel, um 1918